Was, wenn ich es nicht vertrage?
Was, wenn ich es nicht vertrage?

Wie ich wochenlang vor dem ersten Pen gezögert habe.

Ozempic, Wegovy, Mounjaro, Zepbound: Die Mittel wirken. Aber die Angst vor Übelkeit, Erbrechen und dem, was mit einem selbst passiert, hält viele zurück. Ein Erfahrungsbericht über das Zögern.


Der Pen lag drei Wochen in meiner Kühlschranktür, hinter dem Senf. Ich habe ihn jeden Morgen gesehen und jeden Morgen die Tür wieder zugemacht. Nicht, weil ich mich gegen das Abnehmen entschieden hätte. Sondern weil ich Angst hatte vor dem, was danach kommt.

Das Internet als Horrorkabinett

Wer sich vor dem Start informiert, landet zwangsläufig in einem Strudel aus Erfahrungsberichten. Menschen, die tagelang nichts bei sich behalten konnten. „Ozempic-Face", eingefallene Wangen, weil das Gewicht zu schnell ging. Die eine Freundin einer Bekannten, die im Krankenhaus landete. Dazu die Nadel, jede Woche, freiwillig, in den eigenen Bauch.

Das Problem an diesen Geschichten ist nicht, dass sie erfunden wären. Vieles davon passiert wirklich. Das Problem ist, dass sich im Netz die dramatischsten Fälle nach oben schieben und die vielen unspektakulären Verläufe, bei denen einfach nichts Schlimmes passiert, keine Klicks bringen. Die Angst füttert sich selbst.

Was wirklich passiert und was nicht

Also habe ich aufgehört, Kommentarspalten zu lesen, und angefangen, in Quellen zu schauen, die keine Reichweite verkaufen wollen.

Kurz zur Einordnung: Ozempic und Wegovy enthalten denselben Wirkstoff, Semaglutid. In Mounjaro und Zepbound steckt Tirzepatid. Die häufigsten Nebenwirkungen sind bei allen ähnlich, und sie betreffen fast immer den Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung. Übelkeit ist dabei die mit Abstand häufigste je nach Mittel und Dosis berichtet ein Fünftel bis deutlich mehr als ein Drittel der Anwender davon. In den großen Semaglutid-Studien war es fast die Hälfte.

Das klingt erst mal viel. Entscheidend ist aber, wie diese Beschwerden verlaufen: In der Regel sind sie leicht bis mittelstark, treten vor allem am Anfang und beim Erhöhen der Dosis auf und lassen mit der Zeit wieder nach. Deshalb startet man niedrig und steigert langsam („start low, go slow") – genau um dem Körper Zeit zu geben. Die schweren Fälle, vor denen im Netz gewarnt wird Bauchspeicheldrüsenentzündung, Gallensteine sind real, aber selten. Und die Übelkeit selbst kann gefährlich werden, wenn sie zu starkem Flüssigkeitsverlust führt; deshalb der ewige Rat, viel zu trinken.

Was mir dabei geholfen hat: Nicht jeder verträgt das gleich. Ein kleiner Teil bricht die Behandlung wegen der Nebenwirkungen wieder ab. Ob ich dazugehören würde, konnte mir niemand im Voraus sagen – aber genau deshalb ist es eine Sache für den Arzt oder die Ärztin und nicht für ein TikTok-Video.

Die andere Angst

Ehrlich gesagt war die Übelkeit am Ende gar nicht das, wovor ich am meisten Respekt hatte. Die leisere Angst war eine andere: Was, wenn es funktioniert?

Da ist dieser Gedanke, den viele teilen und kaum jemand ausspricht das Gefühl, man würde „schummeln". Als wäre Abnehmen nur dann echt, wenn es wehtut. Und dann die Frage dahinter: Wer bin ich eigentlich, wenn das ständige Kreisen ums Essen – dieses „Food Noise", das viele erst bemerken, wenn es weg ist plötzlich verstummt? Wenn ich anfange, mich anders zu kleiden, anders auszugehen, anders aufzutreten? Verändert sich der Körper, verändert sich oft mehr.

Das ist keine Nebenwirkung, die in einem Beipackzettel steht. Aber es ist der Teil, der die Entscheidung so groß macht.

Die Entscheidung

Was mir schließlich die Kühlschranktür geöffnet hat, war eine simple Umdeutung: Die Spritze ist kein Abkürzungstrick, sondern ein Werkzeug. Ob sie überhaupt das richtige Werkzeug für mich ist, ist eine medizinische Frage es gibt klare Kriterien, und die beantwortet nicht das Internet, sondern jemand mit Kittel, der meine Geschichte kennt.

Die Angst vor Nebenwirkungen ist berechtigt. Sie sollte nur nicht die einzige Stimme im Raum sein. Gute Information schlägt schlechte Geschichten nicht, weil sie beruhigt, sondern weil sie einen wieder handlungsfähig macht.

Und dann?

Eine Sache habe ich unterschätzt, und die hat mit den Nebenwirkungen wenig zu tun: Wenn der Appetit tatsächlich einbricht, isst man weniger. Deutlich weniger. Und weniger essen heißt eben auch: weniger von allem bekommen, was der Körper trotzdem jeden Tag braucht Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe, all das.

Genau an dieser Stelle gibt es UNTOLD. Kein Wundermittel, kein Grund, mit der Spritze anzufangen oder es zu lassen. Einfach eine ehrliche Grundlage für die Tage, an denen der Teller kleiner wird damit der neue Lebensabschnitt, der da beginnt, auf festem Boden steht.

Der Pen liegt übrigens nicht mehr hinter dem Senf.

The new you.


Dieser Text ist ein persönlicher Erfahrungsbericht und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob ein GLP-1-Medikament für dich infrage kommt, welche Risiken bestehen und wie Nebenwirkungen zu handhaben sind, entscheidet immer ein Arzt oder eine Ärztin.

Quellen:

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